Dienstag, 16. Juni 2026
im 180grad / Römermann Rechtsanwälte, Hannover
Der Wohnungsbau gilt als eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Während Bund und Länder mit Maßnahmen wie dem angekündigten "Bauturbo", vereinfachten Vorschriften und neuen Förderprogrammen für schnelleres und günstigeres Bauen werben, bleibt die Realität vielerorts ernüchternd: Die Zahl der Baugenehmigungen geht zurück, Projekte werden verschoben oder ganz aufgegeben, und dringend benötigter Wohnraum entsteht deutlich langsamer als geplant. In Niedersachsen haben wir im Jahr 2025 sogar einen Rückgang von 20 Prozent verzeichnet.
Doch woran liegt das? Hat die Politik ihre Hausaufgaben gemacht? Bremsen hohe Baukosten, Finanzierung und Regulierung die Entwicklung - oder sind auch Kommunen, Investoren, Bauwirtschaft und Wohnungsunternehmen gefordert? Wer trägt Verantwortung dafür, dass zwischen politischen Ankündigungen und der tatsächlichen Umsetzung auf der Baustelle häufig eine große Lücke besteht? Und wie lässt sich diese gemeinsam schließen? Die Impulsgeber und viele Teilnehmer diskutierten zu diesen Fragen gemeinsam beim 34. WirtschaftsDienst Forum.
Bild: Peter Karst (Handwerkskammer), Grant Hendrik Tonne MdL (Niedersächs. Wirtschaftsminister), Tanja Sabljo (Sabljo ArchitektInnen BDA ), David Jakob Huber (BFW Landesverband Niedersachsen/Bremen e.V.), Hilmar Albrecht (GOLDBECK) und Andreas Bosk (WirtschaftsDienst), v.l.n.r., Bildrechte: WirtschaftsDienst
HANNOVER. „Wohnungsbau: Wie bekommen wir die Bagger ins Rollen?“, war die Leitfrage des 34. WirtschaftsDienst Forums, das im Juni rund 40 Entscheidungsträger aus der niedersächsischen Politik, Verwaltung, Bau- und Immobilienwirtschaft, Banken und dem Handwerk in Hannover zusammenbrachte. „Das Fehlen bezahlbaren Wohnraums ist mittlerweile zu einem sozialen Sprengstoff geworden“, leitete WirtschaftsDienst-Geschäftsführer Andreas Bosk die Bedeutung des Themas ein. Laut einer aktuellen Studie des Pestel-Instituts fehlten allein in Niedersachsen 117.000 Wohnungen. Zugleich sank die Zahl fertiggestellter Wohnungen im Bundesland im Jahr 2025 um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gastgeber Prof. Dr. Volker Römermann hatte die Diskussions- und Netzwerkveranstaltung im „180grad“ seiner Kanzlei zuvor mit einem Plädoyer für weitere Deregulierung und mehr Pragmatismus eröffnet.
Ohne die Situation schön zu reden, versuchte sich Niedersachsens Wirtschafts- und Bauminister Grant Hendrik Tonne (SPD) mit einem hoffnungsvollen Blick: „Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnraum – und wir müssen schneller dahin kommen. Niedersachsen zeigt, dass das geht. Wir haben Regeln vereinfacht, Verfahren digitalisiert und Spielräume geschaffen. Jetzt geht es darum, diese Möglichkeiten auch zu nutzen“, erklärte Tonne, neben Ministerpräsident Olaf Lies auch Schirmherr der Veranstaltungsreihe. Nach der Novellierung der Niedersächsischen Bauordnung 2024 und 2025 und weiteren Erleichterungen scheiterten heute die wenigsten Wohnungsbauprojekte an bürokratischen Hürden, so Tonne. Eine Einschätzung, die von den meisten Forum-Teilnehmern geteilt wurde. „Die Bauordnung in Niedersachsen ist mittlerweile die modernste in Deutschland“, lobte etwa Prof. Tatjana Sabljo, Landesvorsitzende des BDA Niedersachsen. Nicht immer sei es der Gesetzgeber, der die Baukosten durch zu hohe Anforderungen nach oben treibe. Beispielhaft nannte die Inhaberin der Hannoveraner Sabjlo ArchitektInnen BDA das reflexhafte Einfordern von DIN-Normen oder „Gold-Standards“ durch Bauherren, Planer oder Architekten. Auch David Jacob Huber, Geschäftsführer des BFW Niedersachsen/Bremen, bescheinigte der niedersächsischen Politik eine Vorreiterrolle. Zugleich mahnte er auch weitere Verbesserungen auf Bundesebene an, damit der geplante „Bauturbo“ wirklich zünde. „In einem ‚Bauturbo‘ kann niemand wohnen!“, brachte er die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis auf den Punkt. Viele Bauvorhaben verzögerten oder verteuerten sich jedoch am falschen „Mindset“ mancher Beteiligter. Als Beispiel nannte Huber die Erleichterungen bei der Stellplatzpflicht: „Was nützt uns der Wegfall in der Bauordnung, wenn die Städte und Gemeinden sie durch städtebauliche Verträge quasi wieder einführen?“ Insbesondere in den kommunalen Verwaltungen sehen eine Vielzahl der Diskussionsteilnehmer und Gäste Veränderungsbedarf, um Wohnungsbauprojekte schneller und günstiger voranzubringen. „Wir müssen verliebt sein ins Gelingen“, beschrieb so auch Peter Karst, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover, den dringend notwendigen Einstellungswechsel. Verwaltungen seien Dienstleister und dürften nicht zum Verhinderer werden. Zugleich hinterfragte Karst, zugleich Oberbürgermeisterkandidat in der Landeshauptstadt, Erfolgsmeldungen über die gestiegene Anzahl erteilter Baugenehmigungen durch die Kommunen. Denn nach der langen Bearbeitungszeit würden sich viele Projekte heute nicht mehr rechnen und könnten nicht umgesetzt werden. „Ein Großteil der jetzt genehmigten Wohnungsbau-Projekte ist faktisch tot“, so Karst.
Den Finger in die Wunde legte auch Hilmar Albrecht, Prokurist und Niederlassungsleiter des Bauunternehmens GOLDBECK. So sei es richtig, dass durch die Senkung von geforderten Standards und auch durch modulares Bauen Kosten gesenkt werden könnten. Doch diese Einsparungen könnten die hohen Grundstückspreise samt Nebenkosten wie der Grunderwerbssteuer nicht auffangen. So summierten sich die Kosten für Grundstück, Grunderwerbsteuer, Planung, Finanzierung und Bauausführung inzwischen häufig auf Mieten von mindestens 20 Euro pro Quadratmeter, die natürlich für große Teile der Bevölkerung nicht bezahlbar seien. Um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, müsse die Politik auch hier spürbare Maßnahmen ergreifen, forderte Albrecht und erhielt Unterstützung der anderen Podiumsteilnehmer.
Einer Senkung der Grunderwerbssteuer erteilte Tonne mit Blick auf die angespannten öffentlichen Haushalte zugleich eine Absage, erkannte das Problem der zu hohen Grundstückspreise aber an. Zugleich zeigte er Hoffnung, dass die bereits beschlossenen Maßnahmen sowie eine für den Herbst geplante weitere Novellierung der Niedersächsischen Bauordnung weitere Erleichterungen bringen werde. Auch auf europäischer Ebene mache sich die Landesregierung für einen Abbau von Anforderungen stark. Die größte Hoffnung mache ihm aber die in Niedersachsen vorbildliche Zusammenarbeit aller Akteure. Erst vor kurzem hatte das „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ seinen Abschlussbericht und eine „Roadmap“ vorgestellt, der sich alle wesentlichen Akteure angeschlossen haben. „Die Transformation unserer Städte gelingt nur gemeinsam. Politik, Kommunen, Wohnungswirtschaft, Planungsbüros und Bauwirtschaft müssen jetzt an einem Strang ziehen, damit aus Ideen schneller konkrete Projekte werden“, so Minister Tonne.
„Wir werden den sozialen Sprengstoff nur entschärfen, wenn wir die Bagger schnell ins Rollen bringen. Das geht nur gemeinsam!“, fasste Bosk zusammen. Wann und wie das gelingen kann, war im Anschluss Gegenstand vieler Gespräche, die die Gäste des WirtschaftsDienst Forums beim anschließenden Netzwerken führten. Der besondere Veranstaltungsort, das „180grad“ der Römermann Rechtsanwälte AG direkt über dem Kröpcke, bot zugleich Aussichten auf die Baustellen der Stadt.
Das WirtschaftsDienst Forum bringt mit Unterstützung der GOLDBECK GmbH, hannoverimpuls GmbH, Hannoversche Volksbank eG und TÜV NORD AG seit 2020 Entscheidungsträger aus der niedersächsischen Wirtschaft und Experten in den Austausch zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Die Veranstaltungsreihe steht seit Beginn unter der Schirmherrschaft des heutigen Niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies sowie seit 2025 zusätzlich unter der Schirmherrschaft von Grant Hendrik Tonne, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen.
Bericht WirtschaftsDienst (RED), 25.06.2026
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